Roma: Die rührende Momentaufnahme einer vergangenen Kindheit

Mit Roma gewährt uns der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón einen Blick in sein ehemaliges Familienleben wie durch ein Loch in der Wand: Wie kindliche Voyeure, die mehr sehen und spüren, als zuhören können. 

Bild: Carlos Somonte. Aufnahme aus Roma, mit Yalitza Aparicio als Cleo und Marco Graf als Pepe. ©Netflix.

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Das Bellen der Hunden in der Nachbarschaft, das sanfte Rauschen des Bodenwischers, das Fließen des gut duftenden Seifenwassers, das Tropfen der nassen Wäsche im lichtdurchfluteten Patio, die vertraute Intimität der häuslichen Aktivitäten machen das stille Zauber von Roma aus: Einem Film, welcher einen kurzen Zeitraum im Leben einer Familie aus der Mittelschicht im Viertel Roma, Mexico-Stadt, im Jahr 1970, durch hautnahe, schwarzweiße Aufnahmen zum Leben erweckt. Als Zuschauer werden wir für die Dauer des Filmes, aufgrund der Nähe der Bilder und der grandiosen Kameraführung, tatsächlich zu Mitbewohner des Hauses: Wir nisten uns als unfreiwillige Voyeure in diesem Heim ein.

Es ist ein Familienleben, das einfach geschieht, so unordentlich und chaotisch wie es normalerweise ist. Das Haus wird nicht herausgeputzt, es wird nicht extra aufgeräumt, nichts wird für Besucher schön gerichtet: Wir dürfen einfach als völlig Fremde in die Intimität des Hauses reinschauen und mit der Mutter, der Oma, den Kindern und den Bediensteten fühlen. Die Besonderheit daran: Das Hausmädchen, welches sich zugleich um die Kinder kümmert, ist das heimliche Herz des Hauses, und zwar in den Augen von Cuarón, der als Kind, als kleiner Pepe, ebenfalls dabei ist, und sein geliebtes Kindermädchen nun wieder nahekommt.

Wie es in Lateinamerika so üblich ist, läuft das Radio ständig, während die Kinder spielen, und das Hausmädchen sich um das tägliche Waschen, Spülen, Wischen, Aufräumen, die Kleinen-für-die-Schule-Fertigmachen kümmert. Explizit und oberflächlich gesehen, wird hier nichts Konkretes erzählt. Der Alltag nimmt die Figuren und die Zuschauer erstmals einfach mit. Das Gewohnte redet für sich, das Ungewohnte bringt die sprachliche Dualität einiger lateinamerikanischen Haushalte ans Licht: Die Bediensteten tauschen sich mal auf Spanisch, mal in ihrer indigenen Muttersprache aus, während der kleine Bub des Hauses, der spanisch sprechenden, europäisch stämmigen Familie, nach Übersetzung fragt.

Man isst zusammen, man erzählt sich von seinem Alltag, man arbeitet im Haushalt wie immer: So sehen wir es, so sehen es die Kinder, so sieht es die Oma, so sieht es Cleo, das Haus- und Kindermädchen des Hauses, auch. Aber unter dieser für Kinder, Oma und Bedienstete wahrgenommenen Normalität, spielt sich ein eheliches Drama ab, das vieles verändern wird. Der Bruch lässt sich subtil erahnen, erstmals in Geräuschen, dann in Bildern: Der Vater tritt in Szene, er bricht geradezu ins Leben des Hauses ein, begleitet von seiner eigenen, dem Alltag des Haushalts fremden Musik, und trifft mit seinem glanzvollen Auto auf die von den Hunden beschmutze Einfahrt. Er scheint dabei nicht mehr so ganz dazu zu gehören. 

Im Kontrast zum unverbindlichen Vater und zur knallharten äußeren Welt, welche wir nur nebenbei zu Gesicht bekommen und aus Großstadtchaos, Armenvierteln, militärischen Kundgebungen und Volksaufstand besteht, wird es immer deutlicher, dass Mutter, Oma, Kinder und Hausmädchen, eine kompakte, eng verbundene familiäre Einheit bilden. Dadurch kommt die zweite, in Lateinamerika oft vorzufindende Dualität: Cleo ist eindeutig die Magd, die Bedienstete, die Hausangestellte, das Kindermädchen, das pausenlos Kinder und Haus im Schuss hält, und doch auch ein geliebtes, eng vertrautes Familienmitglied.

Cleo ist selten alleine: Mal ist sie umgeben von häuslichem Durcheinander, mal vom Verkehrslärm, mal von ambulanten Straßenverkäufern. Die Momente, in denen sie allein, oder in sich gekehrt zu sehen ist, sind dafür umso entscheidender. Für die Familienmitglieder ist sie Kindermädchen, Freundin und Komplizin zugleich, und daher fähig, das plötzliche Verlassen-Sein der Familie ohne Wörter zu spüren. Kurz danach erlebt sie dann ihre ganz eigene, persönliche Krise: Sie selbst wird ebenfalls brutal verlassen und missachtet. Die Welt da draußen scheint einfach erbarmungslos für die Frauen des Hauses zu sein. 

Währenddessen nehmen wir als Zuschauer das Leiden, das unerwartet in diesen Haushalt eindringt, durch die unterschwellige Nähe der schwarzweißen Aufnahmen und die zahlreichen Geräusche, welche lauter als die privat geführten Unterhaltungen sind, unmissverständlich wahr. Wir, die Voyeure des Hauses, spitzen die Ohren, wollen immer mehr wissen und begreifen, was als Nächstes passieren wird. Dabei verstehen wir mmer besser die zwei parallelen Geschichten, die uns einen damals altbekannten Missstand vor Augen führen: Die finanzielle und gesellschaftliche Benachteiligung der lateinamerikanischen Frauen, egal welchen Standes, sobald sie vom Mann verlassen wurden.

Die innere Zerrissenheit der beiden Protagonistinnen, das Nicht-akzeptieren-wollen der Mutter (Marina de Tavira), das trübsinnige In-sich-gekehrt-sein des Hausmädchens (Yalitza Aparicio), prägen für eine Weile die allgemeine Atmosphäre des Filmes, bis sich beide nun mit lebensbejahender Kraft wiederfinden und es mit der Welt aufnehmen, egal was da draußen passiert. Der Alltag der Familie geht weiter. Die sozialen Unterschiede bleiben, die politischen Konflikte auch. Aber hier sind es der Haushalt und das familiär überwundene Drama der Frauen, ihr Glauben an die Zukunft, was zählt.

Dieses Werk von Alfonso Cuarón scheint dabei genau von diesem Glaube an die Zukunft angetrieben worden zu sein: Der kleine, redefreudige Bub der Familie wird zu Filmemacher, und würdigt mit diesem nostalgischen Film die starken Frauen seiner Kindheit. Und wir, die Zuschauer, bleiben mit dem Gefühl zurück, ein Teil dieses mexikanischen Haushalts für eine kurze Weile gewesen zu sein. Herrlich.


Einige Fakten zu Roma und Alfonso Cuarón

Der Film Roma, der am 30. August 2018 seine Filmpremiere in Venedig feierte, und den Goldenen Löwen im Rahmen dieser Filmfestspiele gewann, wurde bei den Golden Globe Awards 2019 in den Kategorien Bester fremdsprachiger Film und Beste Regie ausgezeichnet. Bei der Oscarverleihung 2019 erhielt Roma zehn Nominierungen, und gewann in den Kategorien Bester fremdsprachiger Film, Beste Regie und Beste Kamera. Alfonso Cuarón, geboren im Jahr 1961 in Mexico-Stadt, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent. Er wurde durch seine Regie-Arbeit im dritten Teil der Harry Potter-Saga (2003) sowie im Film Gravity (2013) bekannt. Aktuell wird Roma wird im Streaming-Dienst Netflix angeboten.


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