Tolstoi, Anna und die unverhoffte Anmut der Farbe Schwarz

Wer Anna Karenina aufmerksam liest, erkennt in einer kurzen Passage die Quintessenz vom wahren Stil. Darin spielen Mode und die Farbe Schwarz eine entscheidende Rolle.

Dieser Beitrag enthält Werbung und Affiliate-Partner-Links. Bild: Liliia Beda.

English Version

Wir versetzten uns in das Russland des 19. Jahrhunderts. Es ist ein feierlicher Anlass. Die feinste Petersburger Gesellschaft versammelt sich in dieser Nacht unter verschwenderischem Glanz. Ein prächtiger Ball steht an. Kitty, eine junge Schönheit der Zeit, hat sich besonders für diesen Abend herausgeputzt und betritt in Eile den großen Saal, pünktlich zu Beginn des ersten Tanzstücks. In diesem Augenblick trifft sie auf Anna, eine etwas ältere, bereits verheiratete Dame, die sie bereits gut kennt, aber in dieser Nacht mit anderen Augen zu sehen beginnt…

…Kitty hatte Anna täglich gesehen und sich geradezu in sie verliebt. Sie hatte sie sich durchaus in Lila vorgestellt, aber als sie sie jetzt in Schwarz erblickte, da kam sie zu der Erkenntnis, daß sie Annas Reiz vorher nicht in vollem Umfang erfaßt hatte. Sie sah sie jetzt in einer völlig neuen, überraschenden Erscheinungsform.
 
Jetzt begriff sie, dass Anna nicht Lila tragen durfte und daß ihr Reiz gerade darin bestand, dass sie, gleichsam wie ein Bild aus dem Rahmen, aus ihrer Toilette heraustrat und daß man über ihre Person ihre Toilette nicht beachtete.
 
Und wirklich sah man dieses schwarze Kleid mit den prachtvollen Spitzen an ihr eigentlich gar nicht. Das Kleid war nur der Rahmen, und sichtbar war nur sie in ihrer Schlichtheit, Natürlichkeit und Schönheit sowie in ihrer Heiterkeit und Lebhaftigkeit“.

Diese Episode aus Anna Karenina, dem Roman, den Leo Tolstoi in den 1870er schrieb, könnte heute nicht aktueller sein. Sie offenbart die zeitlose Komponente, welche untrennbar vom wahren Stil bleiben wird, damals wie heute. Farben, Moden, äußerliche Schönheit können vergehen, nicht aber der Stil, welcher eine Persönlichkeit ausmacht. Stil sprudelt aus einem tief verborgenen Charakter heraus, welcher nur einen Rahmen bedarf, um sich frei entfalten zu können. Im Fall von Anna bot die Farbe Schwarz genau diesen Rahmen und Tolstoi wusste es mit seiner Kunst zu würdigen.

Anna Karenina stach in dieser Nacht aus einem Meer üppiger Kleider und aufwendiger Aufmachungen heraus. Die anwesenden Damen schienen sich gegenseitig mit Glanz überbieten zu wollen. Nur Anna nicht. In schlichtem Schwarz gekleidet, entfaltete sie jedoch ihren Reiz „in vollem Umfang“ und „trat aus ihrem Kleid heraus“. Das schwarze Kleid umrandete lediglich ihre Gesamterscheinung in einer Weise, dass ihre Quintessenz, ihre Persönlichkeit, sichtbarer wurde: Schlicht, natürlich, heiter, lebhaft. Sie wirkte schön und anmutig, weil sie auch innerlich schön und anmutig war.

Heute wird oft gesagt, dass Schwarz eine Farbe ist, die jedem steht. Das „kleine Schwarze“ sollte in keinem Kleiderschrank fehlen, weil es Eleganz zaubern soll. Tolstoi kurze Beschreibung der Figur Anna Karenina in dieser schicksalhaften Ballnacht beweist aber, dass es gerade bei dieser Farbe auf die Persönlichkeit des Trägers ankommt: Anna’s feines, spitzenbesetztes schwarzes Kleid „enthüllte“ sie vollkommen.

Schwarz offenbart vielmehr als es verbirgt, wenn es um die Persönlichkeit des Trägers geht: Einen wahrhaft natürlichen Stil –oder den absoluten Mangel davon. Anna Karenina, die respektable Ehefrau und Mutter, bescheiden und devot, wird von ihrem schwarzen Kleid geradezu „entblößt“. Ihre unterdrückte Sinnlichkeit, ihre heitere, tiefgründige, geheimnisvolle Schönheit werden durch den „schwarzen Rahmen“ des Kleides in ihrer ganzen Pracht hervorgehoben. So findet Kitty, unsere junge Debütantin, sie „in einer völlig neuen, überraschenden Erscheinungsform“.

Annas beharrliche Besonnenheit, von ihrem schwarzen Kleid geradezu verkörpert, schützte sie nicht vor der Versuchung. Sie bot ihr vielmehr eine Bühne für ihre vernichtende Anziehungskraft: Eine verführerische Wirkung mit dramatischen Konsequenzen in diesem Meisterwerk der Weltliteratur.

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